Wenn alte Männer um sterbende Väter trauern

Zum Tod einer Handvoll US-amerikanischer Songwriter (2020)

Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass ich meinen leiblichen Vater getötet habe. Ich wurde dafür zur Verantwortung gezogen. Mittlerweile ist das Blut getrocknet. Daher rede ich nicht viel über dieses Kapitel meiner Vergangenheit, aber heute muss ich es tun.

Denn dieses Jahr sterben meine anderen Väter. Sie, die auch euch gezeugt haben, meine lieben Stiefbrüder und -schwestern. Wären sie Tiere, würde man sagen, sie verenden. Die einen zurückgezogen in ihren Elefantenfriedhof, seit ihren grässlichen Krankheiten unbeobachtet von der Öffentlichkeit, greise und verwittert gehen sie ein. Die anderen wälzen sich wie verrückte Wale mit einer letzten brechenden Welle an den Strand, wo die kreischenden Möwen über sie herfallen, während sie beginnen auszudörren.

Texas stirbt, das wahre Vaterland. So weit, so frei, so ohne geeinte Nation. Jerry Jeff, Billy Joe, John, David, Eric, Kenny, Mac, Doug. Unsere Mütter haben ganz schön rumgehurt. Aber es waren halt auch andere Zeiten. Freie Liebe, free hugs, Sehnsüchte von den Lippen ablesen und Sex mit Angehörigen von mehr als zwei Haushalten. Treffen mit Blue Jeans versprachen noch Sex, Drogen und Revolution, nicht DSGVO-Konformität. Keine Komplexe übrigens, wer die Vornamen nicht dechiffrieren kann, sie verorten nur den Autor in seiner Nische, drüben an deinem Späti heißen die grauhaarigen Suffköpfe halt anders.

Man nannte sie: Outlaws und Progressive und Cosmic. Sie waren nicht: Zucht und Ordnung, keine Experimente und Wirsingeintopf. Sie waren die Väter, die wir nicht hatten. Ihre Stiefel aus Western, ihre Hüte aus Country, einen Alligator vor dem Bauch, Klapperschlangen um die Knie, ein Motorrad geschultert, in der einen Satteltasche ein Zug, in der anderen ein Boot. Sie waren Männer, sie hatten Emotionen, sie liebten, sie waren glücklich, sie trauerten, sie waren wütend, verzweifelt und sie waren verrückt, in spleenigen Klamotten, schräg, mit exzentrischem Humor, sie genossen ein, ihr Leben, das sich um Trinken und Tanzen drehte. Jeder von ihnen ein gesegnetes Individuum, wild und weise, unterscheidbar von seinem Nächsten, ungrau. Sie waren so anders als unsere Väter.

Jetzt sterben die Väter, die wir nie hatten. Und damit die symbolischen Repräsentanten unseres besseren Selbst. Mit ihnen sterben auch die Söhne, die wir nie waren. Wir sterben. Es stirbt die Erinnerung an die Person, die wir einmal werden wollten. Dieser geile Zwillingsbruder, als den wir uns heimlich immer noch sahen, wenn wir mit dem alkoholfreien Bier, abends, wenn die Kinder im Bett sind, noch eine CD auflegten, aber nicht zu laut, die Frau macht noch ihre Asanas, und uns nach Texas träumten, mit einem Whiskey in der Hand, einer Mexikanerin im Bett, und irgendwas mit Pferden, oder Bären oder Trucks. Und weil die Klangschale auch uns aus den Träumen reißt, noch einmal in den iPad schauen vor dem Zähneputzen, Mist, schon hat es wieder einen erwischt, statt Schlafengehen nochmal schnell ein RIP raushauen, plus YouTube Video, plus FunFact. Dann aber gute Nacht, wir müssen morgen früh raus, Schatz. Mitgesungen, mitgehangen. Wir sind so tot. Jede Woche einmal die eigene Todesanzeige schreiben. Das zermürbt.

Damals konnte man zum Mond fliegen. Heute kommst nicht mal mehr nach Mallorca. Ein (in Zahlen: 1) Knuffelkontakt, mehr Honky Tonking ist nicht drin. Prohibition ab 21.00 Uhr. Mordspolitisch sind wir natürlich trotzdem, Trump ist weit weg, den kann man bequem exorzieren, indem man einmal die Woche was zu Uropa Woody, Opa Dylan oder Onkel Jason auf dem einen Social Media Kanal postet, von dem man halbwegs Ahnung hat, was, Instagram auch noch, nein, das wär mir zu viel. Ein besseres Amerika, klar, darum geht es grad hauptsächlich für die Hartzer in meinem Kaff. Black lives matter, dann geht es auch dem Obdachlosen vorm Haus endlich besser. Vote endlich, dann stirbt auch niemand mehr im Mittelmeer.

This machine kills fascists gibt ein super Profilbild, noch ein Je Suis Pennsylvania drum rum, und schon werden Schulen renoviert, Sozialwohnungen gebaut, Straßen und Parks modernisiert. Politisch wirksam sein ist so einfach, was haben die eigentlich immer alle. Trump weg, ich bin so ein erfolgreicher Revoluzzer, und das gewaltfrei, wo ich doch nicht mal mein Schweizer Taschenmesser mehr aufkrieg mit meinen zittrigen Fingern, nix Tyrannenmord, puh, mit der Bazooka retten unsere linken Genossen hierzulande die Monopolisten, und ich muss Freitag nach der echt langen Arbeitswoche nicht auf die Straße, ich Couchmahatma, ich schreib doch nicht mal Schimpfwörter, ich Twittergandhi.

Amerika, Land der Sehnsucht. Afrika, nee du, da ist doch das mit den Flüchtlingen, und zu viele Schwarze, und diese Malaria. Asien, ich weiß nicht, das Essen, meine Friseurin war letztes Jahr dort, die hatte so einen Durchfall. Sowjetunion? Wie heißt das eigentlich jetzt? Da kommt man doch gar nicht rein, oder? Australien und Neuseeland soll ja schön sein, aber ist halt schon wahnsinnig weit weg, und die Erdbeben und Waldbrände und irgendwie machen einem die Maoris mit ihrem Geschrei doch Angst. Aber Amerika, das ist super, überall ein Motel, Burger, und die sprechen Englisch, also wenn, dann fahren wir mal da hin. Eine gemütliche Tour im Greenwich Village, Wandern am Grand Canyon und eine Weinprobe im Napa Valley. Und ganz viele Konzerte in Austin.

Warum wir Stereoanlagencowboys uns in diese regressiven Realitätsfluchten begeben? Weil Bocken in der Musikecke im Kinderzimmer das trainierte Muster unserer Pubertät ist. Es ist das Aufbegehren derer, die kein Begehrtwerden erleben. Ohne liebende Annäherung bleibt nur die Masturbation, verbunden mit der ewigen Angst, Papi könnte uns erwischen, die Bettdecke wegziehen und, wir reden ja über die Überväter, cheers Johnny, mein Merle, wow Willie, und da wird beim genaueren Hinschauen offenbar, dass die eigene künstlerische Potenz gar nicht so groß ist und die ganze Anhimmelei und das Fantum und die Rezensionen und Playlists eher die Stummelvariante der Great American Novel sind.

Erschrocken stehen wir also auf dem Friedhof der Helden und wenden den Blick zu ihren trauernden Söhnen, die betreten um die offenen Gräber stehen. Ganz in schwarz, mit dunkler Sonnenbrille glühen sie in der brennenden Hitze und trauern: REK und Todd um Daddy Jerry Jeff, Jason um Onkel John, Aaron Lee um Billy Joe, ich rück ihnen auf die Pelle, und da sind diese Falten, denn Todd ist Jahrgang 1966 und Robert Earl ist Jahrgang 1956 und Ray Wylie 1946 und da wird mir klar, selbst meine Brüder sind schon steinalte Greise und werden auch bald ins Gras beißen. Jetzt sind die großen Brüder selbst die Stammhalter der Familie. Fahren wir Weihnachten halt zur Schwägerin. So ist das: Wenn Pa stirbt, werden die Söhne als alter Mann wiedergeboren, dummerweise selbst kurz vor dem Abnippeln. Immer schon waren sie die großen Brüder, mit denen wir drohen konnten, wenn die coolen Punks und Raver und Hiphopper uns in den Schwitzkasten nahmen. Wir waren immer nur die Loser, die nicht dazugehörten. Jetzt gibt es bald nur noch uns, allein und zitternd, wenn im S-Bahn-Tunnel das Licht ausfällt.

Jetzt sterben ja sogar schon die Enkel. Armer Bruder Steve. Darum geht uns das alles so schrecklich nah. RIP hier, RIP da. Sie konfrontieren uns mit der eigenen Sterblichkeit. Obwohl kaum einer an Covid-19 starb, bauen wir sie in diesen Kontext. Sie geben dem unsichtbaren Virus einen virtuellen Wirtskörper. Die Zahlen steigen jeden Tag, aber die Einschläge kamen nicht näher, also suchen wir uns eigene Symboltote, auch wenn wir dafür bis nach Nashville müssen. Dass der Junkie Justin Townes sich eine Überdosis verpasst? Egal. Es ist eben ein Scheißjahr, dieses Corona.

Meine Güte. Ein paar von der breiten Masse der unter 60-jährigen weitgehend ignorierte Songwriter aus der ersten Hälfte und Mitte des letzten Jahrhunderts sind in den letzten Monaten gestorben. Muss man da gleich die Geißel schwingen und sich selbst den Rücken malträtieren? Ich hab mir jetzt den Frist und den Schmerz von der Seele geschrieben, die Stachel rausgezogen und die Wunden notdürftig verbunden. Jetzt fühl ich mich wieder ganz frisch.

Ich hab ja extra keine Frauen bisher erwähnt, damit ich noch einen Joker hab. Drei junge (naja) Freundinnen (naja) lasen also diesen Text, um mir aus der Patsche zu helfen und einen Weg aus dem Sterbenhaufen aufzuzeigen, den mein Musikgeschmack gerade hinerlassen hat. Nice, meint die eine recht ratlos nach der Lektüre, bist ja eigentlich schon süß, die nächste, was ich durchaus persönlich nehm, weil die dritte das Fass ganz aufmacht und uns hier ums Lagerfeuer versammelte Gleichgesinnte als trotz allem irgendwie liebenswert beschreibt, auch wenn wir uns vielleicht leichter täten, wenn wir nicht 1980 aufgehört hätten, uns für Neues zu interessieren. Wobei sie, ich musste nachfragen, weil ich hab zum Beispiel auch die Mittachziger-Sachen von Rusty Wier, und das Anfangneunziger-Zeug von Lee Clayton, und ich hab Pat Green durch die Nuller begleitet, diese nicht gelten ließ, nicht mal das brandneue Album von Terry Allen! Dieses morbide Rumgedruckse, da gab es Einigkeit, wäre nicht sonderlich sexy, ich solle doch mal wieder raus an die Sonne gehen und ihnen wie früher ein Liebeslied schreiben, das würden die Jungs, mit denen sie jetzt zusammen sind, halt dann doch nie tun.